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Was ein Flugretter so nebenbei erleben kann.

 

Der Kuss: Es war eine Übung im Wilden Kaiser. Wir waren mit dem Erarbeiten der Flugrettung mit dem Hubschrauber und mit unserer Ausbildung nun soweit, dass wir sie im Rahmen einer großen, in mehrere Abschnitte aufgeteilten Übung erprobten. Da war eine recht anspruchsvolle Bergung aus der Karlspitz-Ostwand mit allem Drum und Dran. Noch drei verschiedene Stationen und dann meine Aufgabe, einen Verletzten mit seinem Partner vom Leuchsturmgipfel zu holen. Mit einem Netz. Unsere Bergungsmittel waren ja noch sehr einfach. Da war ein sehr unansehnlicher Totensack, dieses Netz und zur Bergung aus einem Gelände, wo das möglich war, die von uns zur Arbeit mit dem HS umgemodelte Seilverschnürung.
Der einzige Pilot, der in Zusammenarbeit mit MjrArzt Dr.Jenny diese Art der Bergung in Österreich ins Leben rief, war Hptm Prader. Sein Bordtechniker und Windenführer war ein junger UO, der ein unwahrscheinliches Gefühl bei der Arbeit mit dem Stahlseil hatte und auf dessen Ansage der Pilot angewiesen war, da er zur Bergestelle nicht einsah. Funk hatten wir auch noch nicht.

Nach langer Wartezeit war dann ich an der Reihe. Der Pilot zog in Kurven in die Höhe. Die Berge und Wände huschten vorbei, dann war mein Gipfel da, über den der HS nach einer Runde herum Bergeposition bezog. Ich stieg aus und pendelte dem Gipfel zu. Am Grat war eine Seilschaft unterwegs. Der Bursche war schon voraus, das Mädchen verließ gerade den Gipfel, als ich direkt vor ihren Beinen aufkam. Eigentlich warf es mich zu ihren Füssen. Ich blickte auf, in ein lachendes, rotbackiges Gesichtl unter dem Kletterhelm. Blonde Haarsträhnen lugten zerzaust darunter hervor.
Ich krabbelte auf, hing mich vom Stahlseil ab, gab Zeichen "Seil frei", nahm dieses herzige Gesichtl in meine Hände und gab dem Mädchen einen Kuss. Es machte gar keine Abwehrbewegung. Das war so spontan und kurz. Das Mädchen kletterte nach wenigen Worten weiter, der HS war bereits abgetaucht, meine Arbeit begann.

In "meiner" Stube hängt dieses Bild, das aus dem zweiten HS aufgenommen wurde. Ich hänge gerade noch wenige Meter über dem Mädchen, mein Schatten berührt es fast. Das Gesicht ist nicht erkennbar, aber ich kann mich heute, nach so vielen Jahren noch gut an diese Begegnung erinnern.

 
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