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Das Douutale

 

Für Nichttiroler wird dieser Ausdruck schwer auszusprechen sein und gar nicht verstanden werden. Wir wussten vorerst auch nichts damit anzufangen.

Wieder ein Wochenende am HS-Stützpunkt Schwaz. Das kann langweilig und ohne Einsatz sein, oder doch beweglich und hektisch. Wie es den Sportlern einfiel. Es war schon Nachmittag. Nur einen Einsatz hatten wir heute gehabt. Wir drei Mann vertrieben uns die Zeit mit Tätigkeiten, die schnell liegen gelassen werden konnten.

Die Gendarmerie rief an. Ein Schitourengeher hat gemeldet, dass auf der Alm ein alter Mann im ungeheizten Haus sitzt und bei der Kälte, die gerade herrscht, die Nacht nicht überstehen wird. Wir flogen hinauf. Viel Schnee lag. Beim Versuch anzulanden, verschwanden wir in einem Wirbel von Schnee. Der Pilot versuchte es mehrmals am selben Platz, bis er aufsetzen konnte. Er liess die Maschine laufen, er wollte nichts riskieren. Ich sprang hinaus und wurschtelte mich durch die tiefe, glitzernde Pracht zur Hütte.

In der Hütte sprang ein alter Mann auf und nahm Haltung an. 80 Lebensjahre dürften schon kaum mehr gelangt haben. Und weil er so diensteifrig vor der Uniform reagierte, war er sicher Soldat im ersten Weltkrieg und er wird halt sein Leben immer als Almer verbracht haben. "Kimm Vota" sagte ich, "ziach deine Schuach un, hol dei Gwand, mir nemman dich mit ins Tol". Er fischte nach seinen Schuhen, begann sie anzuziehen, fetzte sie jedoch gleich wieder herunter, stand auf, nahm Haltung an und sagte: "Mei Douutale is nit do, uhni mein Douutale geah i nita". Ich hatte draussen keine Spuren ausser jenen vom Tourengeher und einige Wildspuren gesehen. Mittlerweile hatte ich nachgesehen. Im Ofen war kein Feuer, aber Holz war genug da. Verpflegung auch. "Hiaz kimm Vota, ziach di un, mir nemman dich mit" Wieder fuhr er in seine Schuhe, nahm aber wieder gleich Haltung an und vermeldete: "uhni mein Douutale geah i nita".
Luggi, der Bordtechniker kam herein, "du wir müssen weg, wir können nicht so lange mit laufenden Rotor herum-stehen". "Er geht mir nicht, sein Douutale ist nicht da, ohne dem geht er nicht. Aber er wird weder erfrieren noch verhungern. Es ist alles da".

Wir flogen ohne ihn ab. Nach der Landung besprachen wir den Fall mit der Gendarmerie und versprachen, morgen nochmals nachzusehen. Das taten wir. Rauch kam aus der Hütte, ein kleiner Hund bellte herauf. Das Douutale! Der Alte liess sich nicht blicken. Er war, wie wir erfuhren, der Hauswaudl für dieses Vereinshütterl.

 

 

Die Frau mit dem Dackel.

Irgendwo in den Sellainer Bergen war eine alte Frau eine Rinne hinuntergerutscht. Sie hatte einen Dackel dabei. Der wird wohl hinter ihr die Rinne laufend und purzelnd nachgesaust sein. Wir setzten mit dem Hubschrauber fast neben ihr auf. Ein Innsbrucker Ehepaar war bis jetzt bei der alten Frau geblieben. Sie lag da, auf und auf voller Schürfwunden. Das Gewand zerrissen und blutig. Zuerst versuchte ich festzustellen, ob etwas gebrochen ist. Das dürfte nicht der Fall gewesen sein. Da war alles funktionsfähig. Aber natürlich hatte sie sicher Prellungen. Ich wusste nicht, wo ich mit dem Verbinden beginnen sollte. Soviel Material, wie ich da gebraucht hätte, war gar nicht mit. Der ganze Körper war zerschunden. Also versorgte ich die stark blutenden Wunden. Alles andere ließ ich sein. In spätestens 15 Minuten haben wir die Frau im Krankenhaus. Wir betteten die Frau auf die Bank. So, und was ist jetzt mit dem Hund? So ein Fall war uns noch nicht untergekommen. Natürlich mussten wir ihn mitnehmen. Aber was geschieht dann im Krankenhaus damit. Das konnte uns eigentlich wieder egal sein. Die Frau war eine waschechte, urwüchsige Bayerin. Meine Maschine gibt die Buchstaben gar nicht her, damit ich ihre Aussprache auch nur annähernd wiedergeben kann. Dass also der Dackel mit musste, war klar. Aber - sie hatte ja ihren VW-Käfer da unten im Tal stehen. Wir müssen den ODÄACÄ verständigen, damit das Auto heimgebracht wird. Der Flug war kurz. Den Dackel hatte ich am Schoss und der Hund sah neugierig aus dem Fenster. Es gab keine Schwierigkeiten. Auch im Krankenhaus nicht. Die nahmen uns die Frau samt den Dackel ab. Es wird wohl nicht der erste Fall gewesen sein. Aber wie soll ich beschreiben, was sich am Heimflug zum Stützpunkt in der Maschine abgespielt hat. Jeder von uns versuchte noch besser, im Dialekt dieser Frau zu sprechen.


Schwere Kopfverletzung.

Auch der anstrengenste Tag hat irgendwann ein Ende. Die Einsätze reihten sich so aneinander, dass wir nicht zum Essen kamen. Noch ein Mal Auftanken. Diesmal war es ein böiger Flug, wieder über die Berge, über Scharten und Jöcher zur Martin Buschhütte. Dort wartete ein recht fröhlicher Schwerverletzter auf uns. Blutverschmiert und bereits erstversorgt. Die Wirtin gab uns, während der Mann vom Zimmer geholt und zur Maschine gebracht wurde, in der Küche heißen Tee. Das tat gut. Dann waren wir schon wieder in der Luft. Der Verletzte war ein äußerst interresierter Fluggast, dem die Landung in Innsbruck viel zu früh kam. Wir nagten während dem Flug an dem Landjäger, den uns die Hüttenwirtin zugesteckt hatte.


Morgenkonzert.

Nach einer sehr zeitaufwendigen Bergungsaktion, die wir mit unserem HS nur unterstützen konnten, aufgrund des zu kurzen Stahlseiles nicht selbst den Mann herausholen konnten, war ich bei der zusammengewürfelten Bergungsmannschaft mit am Stahlseilgerät tätig. Der HS konnte mich dann wegen der Dunkelheit nicht mehr aufnehmen und ich landete mit zwei anderen Männern nach einiger Kletterei auf der Gaudeamushütte. Am Morgen erlebte ich etwas, das sehr zur Aufmunterung sorgte. Ich war im Waschraum, als ein Mann im anschließenden Klo ein Furzkonzert von sich gab. Sowas habe ich weder vorher noch nachher jemals gehört. Da war ein wahrer Künstler am Werk. Das war vielleicht ein Getriller, Gezwitscher und Gebrumme. In allen Tonlagen. Uns beiden Zuhörern liefen vor Lachen die Tränen herunter.


 
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