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Das rote Hemd

Unser Bergführerkamerad Helmut BAUER erinnert sich an eine Bergungsaktion beim Heeresbergführer-Felskurs 1962 im WILDEN KAISER.

Etwas abgekämpft und müde nach einer Klettertour saßen wir auf der Terrasse des Stripsenjochhauses, dampfende Kaffeeschalen vor uns. Die Beine langgestreckt, unsere Umgebung musternd. Heute war Sonntag. Eine Menge Tagesgäste waren heraufgekommen und brachen jetzt zum Abstieg auf. Plötzlich kam einer gelaufen und machte uns auf Pfeifsignale und auf den hin- und her wehenden roten Fleck in der Wand des Totenkirchls aufmerksam.

Unser Kurs funktionierte wie eingespielt. Der Kaffee wurde kalt, wir waren schon unterwegs. Zuerst ging es rasch. Als dann der aufragende Fels begann, mussten wir natürlich sorgsam klettern. Knapp vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die Unfallstelle.

Ein Kletterer lag schwer verletzt am Ende eines Kamins, durch den er im Steinschlag heruntergestürzt war. Dabei wurde er fast skalpiert. Seine Kopfhaut konnte man fast zur Gänze zurückschlagen. Sein Gefährte, der sich bisher sehr gut verhalten und durch das Winken mit seinem roten Hemd sowie durch sein Trillerpfeiferl auf den Unfall aufmerksam gemacht hatte, wurde durch einen unserer Kameraden abgesichert und zur Hütte gebracht.

Eine Stahlseilbergung wollten wir hier nicht durchführen, da ein direktes Abfahren in ein weit unter der Hütte liegendes Gelände geführt hätte und der Transport zur Hütte sehr mühsam gewesen wäre. Während der Kursarzt den Verletzten versorgte, wurde bereits für die behelfsmäßige Bergung aufgebaut. Ein Heeresbergführerkurs arbeitete an seinem Meisterstück. Die Stirnlampen und Fackeln beleuchteten spärlich die Arbeitsplätze.

Langsam und umsichtig wurde der Helfer mit seiner schweren Last von einer der acht Abseilstellen zur anderen abgelassen. Nicht überall gestattete das Gelände ein lotrechtes Abfahren, daher war die Bergung mühsam. Man hörte nur knappe Kommandos oder ab und zu beruhigende Worte zum Geborgenen, der die ganze Zeit bei Bewusstsein war.

Gegen Mitternacht kamen wir zur Hütte, verfrachteten den Verletzten in die Materialseilbahn. Im Tal wartete bereits der Rettungswagen. Ein Anruf am nächsten Tag im Krankenhaus gab uns Grund zur Freude: „Er wird durchkommen!“

 
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