| „Du,
Alter ?“
(Oder das jugendliche Unverständnis)
von
Helmut Bauer
Nach
einem Bergungseinsatz im Wilden Kaiser konnte ich vom Hubschrauber
wegen der eingebrochenen Dunkelheit nicht mehr aufgenommen
werden und war mit einem Gendarm und einem Bergrettungsmann
über einige Gipfel bis zur Hinteren Goinger Halt und
zur Gaudeamushütte abgestiegen. Da saß ich nun
alleine unter den anderen Bergsteigern.
Am
Nachbartisch unterhielten sich drei junge Kletterer und ein
ergrauter Glatzkopf. Sie sprachen über das Klettern,
Bergsteigen, die Routen im Wilden Kaiser und halt alles Mögliche.
Der Alte kam ins Erzählen und schilderte den jungen Leuten,
wie er diese und jene Route mehrmals geklettert ist, diesen
und jenen Berg bestiegen hat und oft in wilden Wettern gerade
noch nach Hause fand. Der alte Bergsteiger plauderte und merkte
nicht, wie sich die Burschen heimlich mit verkniffenem Lächeln
zunickten. Ich konnte ihre Gedanken gut erraten, war ich auch
einmal jung und konnte nicht wahrhaben, dass es vor mir junge
Stürmer gab, die in vielen Wänden zu Hause waren,
weit herum kamen, die tollsten Wagnisse auf sich nahmen und
das mit der damaligen Ausrüstung. |
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Und
dann sind sie eben alt geworden. Sie waren nicht mehr die
jungen, feschen Burschen mit wuscheligem, windzerzaustem Haar.
Sie waren, wie es das Alter mit sich bringt, runder, gedrungener
und weniger beweglich. Hatten vielleicht eine Glatze und statt
ihrer damals jugendlichen stürmischen Art waren sie ruhig
geworden, bescheiden, wissend, dass solche Unternehmungen
nur mehr Erinnerung sind.
Sie gingen noch in die Berge, weil sie sie liebten. Je nach
ihrer ureigensten Einstellung erlebten sie solche Tage zufrieden
über das Erlebte oder voll Frust, weil sie nicht mehr
so konnten wie früher. Viele kamen nicht mehr in die
Berge, weil sie es nicht mehr schafften. Aber sie hatten diese
vielen Tage in den Bergen nicht vergessen, wollten davon erzählen
und merkten nicht, dass man ihnen oft nicht glaubte und die
Geschichten abnahm. Wer die Männer nicht kannte oder
von ihnen wusste, sah nur ihr Erscheinungsbild. |
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Ich
war wohl nicht anders: Als wir von Villach aus mit dem Fahrrad
so viele Kilometer zu den Bergen anfuhren, unerfahren wie
wir waren die Wände stürmten, nach einem Klettertag
wieder heimzu, hatten wir manchmal einen fast doppelt so alten
Kameraden mit. Er war in seiner Art für uns ein Hindernis.
Er war nicht so schnell wie wir, viel vorsichtiger. Dass diese
Touren mit uns für ihn eingewaltiges Erlebnis waren,
merkten wir nicht, fassten wir nicht auf. Unser Denken war
sehr einfach. Da war die Wand, da der Einstieg und oben der
Gipfel.Kein
Zweifel, dass der erreicht wird. Bis
wir nach einem gewaltigen Dämpfer von den erfahrenen
Herren des AV etwas an die Hand genommen und eingebremst wurden.
Mein Schwiegervater
erzählte mir auch von seinen Klettererlebnissen. Dass
er in der Martinswand war und dort und dort. Er war auch einmal
ein wilder Hund in den Bergen. Da stand er, rundbauchig, behäbig,
wenig beweglich. Ich sah ihn mir an und dachte, mein Gott,
du und die Martinswand, der Wilde Kaiser. Du und ein Stürmer.
Mein Gott.
Ja
und dann kam allmählich für mich die Stunde der
Wahrheit. Ich merkte, dass ich den Sechserrouten mehr Kampf
als Spaß hatte. Ich stieg in solche Wände nicht
mehr ein. Aber auch flotte Fünfer taugten mir nicht mehr.
Ich wollte im Wilden Kaiser nicht mehr als Lehrer bei den
Kursen eingeteilt werden, weil ich mich in diesen Wänden
nicht mehr wohl fühlte und ein Kursteilnehmer das nicht
merken sollte. Mit der Zeit machten sich auch die Bandscheiben
und das Rheuma immer stärker bemerkbar. Spreizschritte
wurden zur Qual, manches wurde zur Qual. Die vielen Biwaks
und Nächte in Zelten bei unseren Verlegungen ins Gebirge,
Jahre mit dem schweren Rucksack hatten ihre Spuren hinterlassen.
Ich musste meine Ansprüche mehr und mehr reduzieren.
Schon längst war mir bewusst, wie ungerecht ich gegenüber
älteren Kameraden gewesen bin. Jetzt kam ich in diese
Lage. Ich konnte mich bescheiden und ohne krankhaftem Frust
zur Kenntnis nehmen, es geht eben nicht mehr so wie früher.
Ich liebe die Berge deshalb genau so. Ich kann ohne Bitternis
in die senkrechten Wände schauen und den Kletterern zusehen.
Nur eines schwor ich mir: Ich werde niemals fremden Menschen
sagen, dass ich das auch gemacht habe, ja sogar als Führer
andere Leute in solchen Wänden, Eisflanken, auf hohen
Bergen ausgebildet habe.
Ich will
es mir ersparen, das „Du Alter?“ Die beste Bestätigung
einer solchen Denkweise erhielt ich, als einmal ein junger
Bergführerkamerad in meine Kanzlei kam, das oberste der
hier gezeigten Bilder ansah, dann mich und fragte: „Das
bist Duuuu???
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Nebenstehendes
Bild hat der gleichaltrige, damalige Theologiestudent und
nachmalige Militär-Superintendent und Heeresbergführerkamerad
Dr. Julius Hanak in den Julischen Alpen aufgenommen.
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