| Nach
einer kurzen Erholung am Issikul See, dem zweitgrößten
Gebirgssee der Welt, zwölf mal größer als der Bodensee,
haben wir schon wieder Lust auf einen Berg zu gehen. Wir wandern
auf einen 2500 m hohen Hügel, über wegloses zunächst
vegetationsloses Gelände, dann aber über bezaubernde Almwiesen
mit vielen Blumen. Am Gipfel genießen wir die herrliche Aussicht
über den See zu den vergletscherten Bergen des Tien Shan.
Weit hinter diesem Gebirgszug befindet sich unser Berg, der Mustagh
Ata. An diesem Berg verbrachten wir mit unserer Kleinexpedition,
Peter Gandler und ich, die letzten drei Wochen.
Nachdem
der Mustagh Ata ein ideales Expeditionsziel für den Einsatz
von Ski ist und ich nach dem Erfolg im letzten Jahr am Pic Lenin
(7134 m) einen etwas höheren Berg besteigen wollte, haben wir
uns zu diesem Ziel entschlossen. Peter war auch schon früher
auf 6000-ern in Pakistan gestanden. Mit unserer Kleinexpedition
wollten wir am Berg möglichst schnell und wendig sein, um so
sehr wenig Zeit in großen Höhen zu verbringen.
Wir waren uns aber auch der Risiken, die eine solche Kleinexpedition
mit sich bringt, von Vornherein bewusst.
Nach
gründlichem Training und einer umfangreichen Vorbereitung,
wir haben die Expedition zur Gänze selbst geplant und organisiert,
starten wir am 25. Juni von Salzburg mit dem Zug nach München.
Von dort geht es mit der Aeroflot über Moskau nach Bishkek,
der Hauptstadt Kirgisiens. Am Flughafen wartet bereits Juri, der
uns zur Chinesischen Grenze bringen sollte. Nach einer Nächtigung
im Jurt Camp in Naryn erreichen wir am nächsten Tag die Grenze
zu China am Torugart Pass (3700 m). Dort holt uns der Chef der Chinesischen
Agentur, Kong Baocoun, höchstpersönlich ab. Die eigentliche
Grenzstation ist ca. 50 km hinter der Grenze, wo wir umfangreiche
Kontrollen über uns ergehen lassen müssen. In Kashgar
nächtigen wir in einem Hotel und besuchen noch eine Bar, die
als Bergsteigertreff gilt.
Am
nächsten Tag bringt uns ein Jeep über den Karakorum Highway
nach Subash, dem Ausgangspunkt zum Basislager. Unser Berg zeigt
erst am nächsten Tag seine schönste Seite, als wir von
Subash zum Basislager aufbrechen. Kamele transportieren unser Gepäck
und wir erreichen nach ca. 4 Stunden das Basislager auf 4450 m Höhe.
Obwohl wir alle Regeln der Höhenanpassung beachten, bekommt
Peter bereits am 2. Tag im Basislager Kopfweh und muss auch Medikamente
nehmen, er kann sich in weiterer Folge nicht mehr richtig akklimatisieren.
Ich mache in der Zwischenzeit einige Akklimatisationstouren und
ausgedehnte Spaziergänge im Basislager. Ich unterhalte mich
viel mit Leuten unterschiedlichster Nationalität.
Peter
hat mittlerweile sehr starke Kopfschmerzen und ein Schweizer Bergführer
leiht uns ein Messgerät, mit dem man den Sauerstoffsättigungsgrad
des Blutes messen kann. Peter hat nur 50%, wobei die kritische Grenze
eigentlich schon bei 70% liegt. Peter entscheidet sich am nächsten
Tag abzusteigen und nach Kashgar zu fahren, um sich dort zu erholen.
Wir vereinbaren, dass ich weiterhin am Berg bleibe und eine Besteigung
versuchen sollte.
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Am 10. Tag beginne ich das Lager 1 (5300 m) aufzubauen. Dort treffe
ich Tim, einen Amerikaner
den ich schon aus dem Basislager kenne, und mache ihm den Vorschlag
gemeinsam zum Gipfel zu gehen. Er stimmt bereitwillig zu, da er
auch alleine ist. Wir erwägen einen Zeitplan für einen
ersten Gipfelversuch und wollen uns bis dorthin, ein jeder für
sich allein, akklimatisieren.
Ich
nächtige im Lager 1 und steige noch bis auf 5900 m auf. Ich
spüre die Höhe und drehe daher um und fahre bzw. steige
in das Basislager ab. Ein Rasttag wird mir gut tun.
Aus
SW ziehen immer wieder Wolken auf und es gibt täglich das obligate
Gewitter, meistens mit Schneefall bis ins Basecamp.
Am nächsten Tag wollen Tim und ich zum Lager 1 aufsteigen.
Um 12 Uhr mittags gehen wir los. In 3 ½ Stunden sind wir
im Lager 1. Ein Schneesturm am Abend verheißt nichts Gutes
für den nächsten Tag, aber Tim und mir geht es sehr gut
und wir wollen morgen aufsteigen wenn das Wetter gut ist. Die ganze
Nacht und am Morgen schneit es. Es macht keinen Sinn loszugehen.
So verbringen wir einen weiteren Tag im Lager 1. Als es am Nachmittag
etwas aufreißt, wollen wir für den nächsten Tag
„vorspuren“, aber ein Schneesturm überrascht uns
und mit Mühe finden wir den Weg zurück.
Am
nächsten Tag, mittlerweile der 15. Tag, steigen wir bei herrlichstem
Wetter zum Lager 2 (6100 m) auf. Das Spuren ist hart, aber beide
sind wir wohlauf. Wir können die Zelte einer Schweizer Gruppe
benützen.
Wieder
bei herrlichem Wetter steigen wir am nächsten Tag in das Lager
3 (6900 m) auf.
5
Stunden dauert die Spurarbeit, ich bin eher „geschlaucht“,
habe leicht Kopfweh und mir ist leicht übel. Irgendwie traue
ich mich nicht in diesem Zustand in dieser Höhe zu nächtigen.
Außerdem kenne ich Tim doch nicht so gut, dass ich ihm blindlings
vertrauen könnte. Ich habe einfach nicht das Gefühl, das
ich mir vorstelle haben zu müssen, um am nächsten Tag
den Gipfel ohne Probleme erreichen zu können. So entschließe
ich mich umzukehren und abzufahren.
Tim
wird am nächsten Tag alleine den Gipfel erreichen!
In
3 Stunden bin ich wieder im Basecamp, welches in den letzten Tagen
sehr viel größer geworden ist. Am Abend kann ich lange
nicht einschlafen, zu viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, war
die Entscheidung richtig….!?
Den Rasttag nütze ich, um viele Neuankömmlinge im Basecamp
kennen zu lernen.
Trotz der Party der Franzosen (9 von 11 Teilnehmern am Gipfel!)
schlafe ich sehr gut und steige am nächsten Tag alleine zum
Camp 1 auf. Das Wetter verspricht nichts Gutes. Tim kommt den Schneehang
Richtung Camp 1 herunter und trägt seine Ski auf dem Rucksack.
Auf meine Frage, warum er das mache antwortet er, dass er beim Skifahren
zu oft gestürzt sei, sodass er diese lieber trage. Ich freue
mich für ihn, dass er den Gipfel erreicht hat.
Am
Freitag 13. Juli spure ich alles alleine in 4 ½ Stunden zum
Lager 2. Während des Aufstiegs ist es sehr warm, nebelig und
weit und breit kein Mensch zu sehen. Heroben fängt es zu schneien
an.
Am
nächsten Morgen: „Als ich in der Früh aufwache ist
es im Zelt finster. Ich
erschrecke. Das Zelt ist zugeschneit. Übernacht sind ca. 50
cm Schnee gefallen. Ich koche, trinke Tee, will etwas essen, habe
aber keinen Appetit…“ (Auszug aus dem Tourentagebuch).
Im Lager 3 hat es ca. 1 m Neuschnee, sagen mir Deutsche die gerade
zurückkommen. Ich überlege einige Zeit hin und her. In
diesem
Zustand und bei dieser Neuschneemenge ist ein Besteigungsversuch
unmöglich.
Für
einen 3. Versuch würde ich 1 bis 2 Rasttage im Basecamp und
4 weitere Tage für den Berg benötigen. So muss ich zur
Kenntnis nehmen, dass die restliche Zeit für einen weiteren
Versuch nicht ausreicht, zumal wir die Grenze zwischen China und
Kirgisien vor dem Wochenende noch passieren sollten, weil diese
am Wochenende geschlossen ist.
So fahre ich mit der gesamten Ausrüstung soweit als möglich
mit den Skiern ab. Bis zum Lager 1 ist es sehr mühsam, ich
esse dort ein wenig und mache aber in den Hang unterhalb schon wieder
tolle Schwünge.

Die
nächsten zwei Tage verbringe ich noch im Basislager, wobei
am Sonntag große Aufregung und Besorgnis herrscht. Mehrere
Koreaner sind seit einigen Tagen im Lager 3 ohne Essen und Getränke
und können aus eigener Kraft nicht mehr absteigen. In einer
chaotischen Rettungsaktion können 3 gerettet werden, ein vierter
gilt als vermisst. Tim hat ihn auf dem Weg zum Gipfel noch gesehen.
Alle Bergsteiger die noch am Berg sind und alle einheimischen Träger
sind an dieser Bergung beteiligt.
Bergung
der Koreaner (Foto: Maksim Bogatyrev)
Am Dienstag verlasse
ich das Basislager in Richtung Subash. Tim und der Schwede Steve
begleiten mich. Dort verabschiede ich mich und fahre mit einem Bus
zurück nach Kashgar, wo Peter schon auf mich wartet.
Er hat die ganze Zeit dort verbracht und kennt diese Stadt schon
in und auswendig. Wir haben uns natürlich viel zu erzählen.
So erfahre auch ich alles über die Stadt an der Seidenstraße
und er alles über den Mustagh Ata.
Den
Weg zurück und das Prozedere an der Grenze kennen wir schon.
So sind wir nun einige Tage an diesem wunderschönen Platz am
Issikul See.
Nach einer Besichtigung von Bishkek geht es wieder zurück nach
Hause, wo uns eine kleine Abordnung der Ortsgruppe in einem unserer
Stammgasthäuser einen kleinen Empfang bereitet.
Obwohl
wir den Gipfel nicht erreichen konnten war für uns diese Expedition
ein gewaltiges Erlebnis, wir konnten viel Erfahrung gewinnen und
bleibende Eindrücke von beiden Ländern und seinen Bewohnern
mitnehmen.
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